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05.09.2018 11:10

Eine Satellitenstadt im Meer

HONGKONG (NfA/GTAI)--Die Hafenmetropole Hongkong benötigt dringend neuen Wohnraum. Der Bau von 400.000 Wohnungen auf 2.200 ha aufgeschüttetem Land bietet eine kostspielige Lösung. Der Wohnraum ist extrem knapp, und die Situation dürfte sich mittelfristig sogar noch verschärfen. Die Bevölkerung wächst stetig. Lebten laut dem lokalen Statistikamt Ende vergangenen Jahres noch rund 7,4 Mio Menschen in der Sonderverwaltungsregion , sollen es Mitte 2031 bereits etwa 8 Mio sein. Die Chinese University of Hong Kong kommt sogar für Mitte 2033 auf einen Wert von 8,4 Mio.

Bis zu 1 Mio zusätzliche Personen müssen also eine Unterkunft finden. Eigentlich gibt es genug Platz. Nur ein gutes Fünftel der Landfläche ist tatsächlich bebaut. Daneben gibt es Naturparks, die so groß sind, dass ab und zu Wanderer auf Nimmerwiedersehen verschwinden. Doch diese stellen die grüne Lunge der Metropole dar und sind sakrosankt. Auch existieren an der Grenze zu China umfangreiche brachliegende Flächen. Die dortige Bevölkerung pocht allerdings auf ihre aus der Kolonialzeit stammenden Sonderrechte und verhindert damit den Bau neuer Vorstädte.

Die Lösung besteht darin, aufs Wasser auszuweichen. Durch umfangreiche Aufschüttungen lassen sich dem Meer große Flächen abgewinnen. So ist auch der 1997 eröffnete Flughafen entstanden. Eine solche Vorgehensweise ist zwar sehr teuer. Doch Kosten spielen aus Sicht der Regierung eine untergeordnete Rolle. Der Fiskus sitzt auf großen Finanzreserven und erwirtschaftet jährlich erhebliche Haushaltsüberschüsse.

Schon vor einigen Jahren hat die oberste Stadtentwicklungsbehörde mit ihrer Strategie Hong Kong 2030+ versucht, mögliche Standorte für neue Satellitenstädte zu identifizieren. Dabei kristallisierten sich zwei Vorhaben heraus. Das Projekt "New Territories North" sieht den Bau von Wohnungen für bis zu 350.000 Menschen im Grenzland vor. Neben den erwähnten rechtlichen Problemen käme hinzu, dass der Standort recht abgelegen wäre. Zudem ist eine Fertigstellung frühestens für 2040 anvisiert.

Die "East Lantau Metropolis" auf 1.000 ha würde hingegen überwiegend aus aufgeschüttetem Land bestehen. Rechtliche Probleme gibt es in diesem Falle weniger. In Planung sind Wohnungen für bis zu 700.000 Menschen. Durch Tunnel und Brücken soll es einen schnellen Anschluss an die zentralen Geschäftsviertel geben. Auch ist eine Verbindung zum Flughafen angedacht.

Anfang August trat ein Beratungsgremium an die Öffentlichkeit. Es empfiehlt, die ursprünglichen Pläne zur East Lantau Metropolis sogar noch auszuweiten. Auf einer Fläche von 2.200 ha könnten 400.000 Wohnungen für 1,1 Mio Menschen gebaut werden. Diese sollen 70% des Vorhabens einnehmen und zu subventionierten Preisen an den Mann gebracht werden. Weitere 30% sind für gewerbliche Objekte vorgesehen.

Die Consultants kalkulieren für den komplette Neubau einer solchen aufgeschütteten Stadt mit 61 Mrd US-Dollar. In dieser Summe sind allerdings noch nicht die Infrastrukturanbindungen eingerechnet. Diese dürften weitere 36 Mrd Dollar verschlingen. Das macht zusammen fast 100 Mrd. Wenn man berücksichtigt, dass im Prinzip jedes Megavorhaben den ursprünglichen Kostenrahmen sprengt, dürften am Ende 150 Mrd Dollar und mehr herauskommen.

Laut McKinsey könnten im Falle einer sukzessiven Fertigstellung die ersten Wohneinheiten der East Lantau Metropolis 2029 bezugsfertig sein. Bis 2032 sei es möglich, das Gesamtvorhaben abzuschließen. Die Erfahrung mit vergangenen Großprojekten lässt diesen Zeitrahmen allerdings als überaus ambitioniert erscheinen.

Allerdings zeigt die Vergangenheit auch, dass die meisten angekündigten Hongkonger Großvorhaben - wie eine Brücke nach Macau oder ein Hochgeschwindigkeitszug nach Guangzhou - auch tatsächlich umgesetzt wurden. Dabei waren die beiden genannten Projekte ökonomisch durchaus fragwürdig und äußerst umstritten.

Hongkongs Bevölkerung ist teils recht kritisch gegenüber der Regierung der SVR eingestellt. Unmut macht sich insbesondere bei kostspieligen Vorzeigevorhaben Luft. Laut South China Morning Post sprach sich in Umfragen eine deutliche Mehrheit gegen das Megaprojekt und Landaufschüttungen aus. Insbesondere die hohen Kosten schrecken ab. Auch Umweltschutzgruppen haben bereits ihre Bedenken angemeldet.

Doch Proteste perlen oftmals an den Verantwortlichen ab. Hongkong ist faktisch eine gelenkte Demokratie mit nur beschränkten Einflussmöglichkeiten der Bürger. Zudem ist die Schaffung neuen Wohnraums im großem Umfang eigentlich unstrittig. Es gibt zur East Lantau Metropolis keine belastbaren alternativen Vorschläge.

Unternehmen aus der Bundesrepublik sollten das Vorhaben im Auge behalten. Im Falle einer Realisierung ergeben sich umfangreiche Geschäftsmöglichkeiten. Hongkong dürfte Planungs- und Ingenieurdienstleistungen sowie Gebäude- und Verkehrstechnik im Ausland einkaufen. Die Rohbauten werden allerdings zumeist von einheimischen oder chinesischen Unternehmen durchgeführt.

Es dürften aber noch ein paar Jahre vergehen, bis es zu den ersten größeren Ausschreibungen kommt. Diese verlaufen in Hongkong zumeist offen und fair. Die SVR ist bereits 1997 dem weltweiten Government Procurement Agreement beigetreten. Sie muss daher ab einer gewissen Investitionssumme öffentlich ausschreiben. R. Rohde, GTAI

www.maerkte-weltweit.de

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